pierre-philippe hofmann

Raum und Zeit einander näher bringen

[ Sybille Omlin - 2019 ]

Der belgisch-schweizerische Künstler Pierre-Philippe Hofmann hat für sein Porträt der Schweizer Landschaft während vier Jahre zehn mal zu Fuss die Schweiz durchquert – vom Rhein bis an die Rhone, vom Jura bis ins Tessin, vom Genfersee an den Bodensee, immer von einer Grenze zur gegenüberliegenden. Die maximale Nord-Süd-Ausdehnung in unserem Land beträgt 220km von Bargen nach Chiasso, die grösste West-Ost- Strecke 348km von Chancy ins Val Müstair.

Die Wege des Künstlers führten immer durch den Mittelpunkt der Schweiz, die Älggialp im Kanton Obwalden, und stets als Wandersmann, zu Fuss. Mit sich trug er eine Kamera, mit der er jeweils nach einem Kilometer einen einminütigen Kurzfilm der unmittelbaren Umgebung aufnahm. Entstanden sind so etwa 2700 filmische Teile, die ein mögliches Gesamtbild der Schweiz ergeben.

Was zeigen diese Filme? Pierre-Philipp Hofmann hat nicht die Sehenswürdigkeiten und besonders eindrücklichen Orte aufgenommen, sondern vor allem die unspektakulären, alltäglichen Ausschnitte unseres Landes, einsame Momente, Langweile. Wege durch die Berge, über die Pässe, aber auch Autobahnen und Parkplätze im Mittelland, Sitzbänke und Strassen in periurbanen Zonen. Die Jahreszeiten sind festgehalten und das Wetter. Wanderer im Schnee, Kinder beim Schlittenfahren, grasende Kühe, wartende Menschen an der Bushaltestelle, Mehrfamilienhäuser in Agglomerationen.

Diese Filme zeigen, was wir aus dem Zugfenster sehen, aus unseren Autos von der Autobahn her, auf unseren Spaziergängen und Wanderungen durch Hügel, Berge und den Seen entlang. Portrait of Landscape.

Wie das Material, das auf den Wanderungen entstanden ist, präsentieren? Pierre- Philippe Hofmann setzt seinen Wanderungen zu Fuss aktuelle Medientechnik entgegen: eine multimediale Bildschirm-Installation von nah am Boden laufenden Screens zeigt einen langsamen Durchgang durch die Sequenzen, die ein algorithmisches Programm ausgewählt hat. Wandern – die uralte menschliche Mobilitätstechnik und ein komplexes Neben- und Ineinander von Bildern, das unserm Nachrichten- und Informationssystem ähnlich scheint.

Pierre-Philippe Hofmann interessiert sich in Portrait of Landscape für ein kartographisch über einen längeren Zeitraum angelegtes Bildsystem, das in unserem Land die repetitiven alltäglichen Spuren der Besiedlung in einem filmischen Zusammenspiel festhält. Natur kommt hier auch vor, sogar sehr of, aber ist nicht das Erhabene und Grossartige der unbesiedelten Alpenlandschaft, sondern eben die Schweiz, wie wir sie im Zeitalter von Abstimmungen über Raumplanung und Zweitwohnungsinitiativen, zwischen urbanen Zentren und touristischen Skisportanlagen vorfinden: eine Kulturlandschaft, bis fast in den letzten Winkel und in die hinterste montane Faltung vom Menschen mitgeprägt.

Die 72 Monitore sind nah am Boden installiert, man kann an ihnen vorbeispazieren und dem Gang des Wanderers folgen. 38 Sequenzen werden auf jedem Bildschirm gezeigt und sie wechseln in Dauerschleife durch die Kontraste in unserem Land: ein Programm von Herbst zu Frühling, von Stadt zu Land und von Schwarz-Weiss zu Farbe.

Portrait of a landscape. Was daran interessiert ist die Formung der Landschaft: In unseren Landstrichen ist land scape eine kulturelle Aufgabe. Wir bauen Strassen, Staudämme, wir bewirtschaften Felder, Wälder und Weinberge. Der Mensch greift in die Landschaft ein. Wo er nicht nichtkommt, kann man noch von Wildnis sprechen. Die Künstler sind immer wieder daran beteiligt, uns Bilder von unserem Tun in der Landschaft zu liefern. In der Malerei, in der Fotografie, im Film.

Pierre-Philippe Hofmann hat eine sehr grosse und abwechslungsreiche Panoramaform entwickelt, die vieles zeigen will, im Wissen darum, dass man nicht alles zeigen kann. Der Künstler hat für uns die Zeit und den Raum ausgebreitet, um uns einen langen zusammenhängen Blick auf Landschaft zu ermöglichen. Und die leeren schwarzen Stellen in den Filmen demonstrieren die Unmöglichkeit seines Unterfangen, eine Landschaft als Ganzes darzustellen.

Zudem hat der Künstler Karten, Profile und abstrakte Datenlisten mit in die Ausstellung gebracht, einzelne Fotografien auch, Klänge zu den Filmen. Er möchte damit unterstreichen, dass wir einer Information allein nicht mehr vertrauen sollen. Das Zusammenspiel von Bild und Ton, von Konkretem und Abstraktem nähert sich einer Form von Wahrnehmung an, die uns Wahrheit sehen lässt.

Portrait of Landscape: der Begriff des Porträts lässt uns erahnen, dass der Blick des Künstlers trotz aller Zurückhaltung und Neutralität ein sehr persönlicher ist. Er lässt uns diese lange Zeit des Wanderns und Sehens erahnen, diese unglaubliche Vielfalt in den 2700 Minuten auf einer Fläche von 41280km - der Schweiz.



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