pierre-philippe hofmann

Kein Niemandsland, nirgends

Von Landschaften und Siedlungsformen in Belgien und der Schweiz
[ Caspar Schärer - Werk, bauen+wohnen 2013 / www.wbw.ch ]


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Unterwegs zu Fuss, die Kamera im Anschlag: Der belgische Künstler Pierre-Philippe Hofmann sucht auf seinen langen Streifzügen das Repräsentative eines Landstrichs. Im Gespräch mit Caspar Schärer beschreibt er seine Methoden und was ihm in der Schweiz aufgefallen ist.

Herr Hofmann, was ist die konzeptionelle Grundlage Ihrer künstlerischen Arbeit?
Ich bin ständig auf der Suche nach langfristigen Unternehmungen, um mich besser in meiner künstlerischen Arbeit verankern zu können. Dies ist unter anderem eine Reaktion auf die gegenwärtige Tendenz – auch in der Kunst –, alles Handeln als Folge eines Impulses anzulegen. Während ich eine bestimmte Gegend zu Fuss durchquere, lösen sich in meinem Kopf eine Menge Gedanken, die der Alltag unter anderen Umständen nicht hervorbringt. Im Unterschied zu anderen wandernden Künstlern beziehen sich meine Projekte aber auf die Darstellung der Landschaft und nicht auf innere Zustände und Befindlichkeiten des Künstlers. Hinzu kommt, dass uns immer mehr und immer bessere technische Hilfsmittel zur Verfügung gestellt werden, die gewiss beeindruckend, aber stets ungenügend sind. Inzwischen werden fast keine Reisen mehr angetreten, ohne zuvor im Internet detaillierteste Angaben über den angepeilten Ort zu suchen. Die dadurch zugänglichen Bilder vermitteln eine völlig gegensätzliche Ansicht der Realität: Entweder sind sie wunderschön oder scheusslich.

In Belgien sind Sie für Ihr Projekt «Lieux Communs – Gemeenplaatsen» (2002–07) der Sprachgrenze zwischen der flämischen und der wallonischen Region gefolgt. Warum ausgerechnet diese Linie?
Bei allen Projekten von mir ist der Zwang ein erster Ausgangspunkt. Ich brauche eine konzeptuelle Vorgabe, ein Dogma, dem Gehorsam zu leisten ist. Der Verlauf der Sprachgrenze erwies sich dahingehend als ideal: Sie durchmisst Belgien auf seiner ganzen Länge und zeigt die Vielfalt des Landes anhand zahlreicher verschiedener Landschaften. Zudem meidet dieser Weg die bekanntesten Orte, die zugleich die am wenigsten repräsentativen sind; die historischen Zentren und die Sehenswürdigkeiten stellen nur einen winzigen Teil des Landes dar. Ich musste allerdings all jene enttäuschen, die triviale politische Interpretationen in meine Arbeit projizierten. Die Sprachenfrage ist in Belgien das dominierende politische Thema, in meiner künstlerischen Arbeit jedoch ganz und gar nicht.

Beschreibt die belgische Sprachgrenze eine scharfe Linie? Wird im Dorf auf der einen Seite französisch gesprochen und im Dorf nebenan flämisch?
Wenn man sich für die wirklichen Verhältnisse in Belgien interessiert, findet man durchaus eine Durchlässigkeit zwischen den beiden grossen Sprachgruppen. So dehnt sich etwa die Hauptstadt Brüssel unaufhaltsam in zuvor flämische Vororte aus. Der einstige Charakter dieser Gemeinden wird zunehmend von einer frankofonen oder gar internationalen Bevölkerung verändert. Die Politiker sind darüber beunruhigt und fordern laufend eine klare Trennung. In den Medien findet die Polarisierung jeden Tag aufs Neue statt: Jedes Thema, das auch nur am Rande die Sprache betrifft, dient als Vorwand für einen Vergleich zwischen Flamen und Wallonen, der im Übrigen häufig belanglos ist. Mein Buch «Gemeenplaatsen» erregte ein gewisses Aufsehen, da die Journalisten hofften, darin polemische Äusserungen zur Sprachenfrage zu finden. Vergebens: Die Sprachgrenze ist für mich nur ein Vorwand, um über Städtebau, Landschaft und Architektur in Belgien zu sprechen.

Wie tritt die Grenze denn in Erscheinung?
Sie ist in Wirklichkeit viel stärker sichtbar, als auf den Bildern, die ich gemacht habe. Wenn ich sie zum Thema gemacht hätte, und damit zum Ziel eher als zum Mittel, hätte ich mehr Zeit auf die Details verwenden müssen. Die Bodenbedeckungen, die Farbe der Strassentafeln und die Gestaltung des bebauten Geländes ändern sich häufig, sobald man diese Linie überschreitet. Wie gehen Sie ein so umfangreiches Projekt an? Ich konnte nicht einfach im Westen an der französischen Grenze beginnen und in gerader und kontinuierlicher Linie nach Osten wandern. Die Planung meiner Etappen war von den meteorologischen Verhältnissen abhängig, da ich ein «klinisches» Licht, einen gleichmässig grauen Himmel für die Bilder brauchte. In Belgien ist dieses Licht sehr typisch, ausserdem wird so das Bild lesbarer, ohne dass Lichtspiele es zu kontrastreich machen. Dieses Licht – ebenso wie die Rahmung, die ich verwende – gehört zum Dokumentarstil. Die Strenge der Komposition, die frontale Aufnahme, alles trägt dazu bei, den Eindruck einer Fotografie ab Stativ zu erwecken, einer Fotografie, die im Studio aufgenommen scheint.

Verfolgen Sie bestimmte Themen auf Ihren Touren?
Ich versuche grundsätzlich repräsentativ zu sein und bearbeite deshalb keine spezifischen Themen. Ich muss ein Gleichgewicht finden zwischen den Ackerflächen, den Industriezonen, den Geschäftsvierteln, den Wohngebieten und den Brachen.

Wieviele Bilder schiessen Sie und wie viele davon wählen Sie schliesslich aus?
Beim Projekt «Lieux Communs – Gemeenplaatsen» blieben 380 von über 10 000 Bildern. Wenn ich ein reiner Konzeptkünstler wäre, würde ich alles ausstellen – oder gar nichts. Als ThemenFotograf müsste ich mich vermutlich auf dreissig Bilder beschränken. Das Sortieren der Bilder ist eine wichtige und zuweilen heikle Aufgabe. Die erforderliche Vielfalt beeinflusst meine Entscheidung, gewisse Bilder eher zu behalten als andere. Ich will keine Region bevorzugen. Die Anzahl Bilder ist also mit fast mathematischer Genauigkeit über das gesamte Gebiet verteilt.

Zur Zeit sind Sie mit einer ähnlichen Arbeit in und mit der Schweiz beschäftigt. Warum die Schweiz?
Die Schweiz war für mich immer eine zweite Heimat. Ein Teil meiner Familie stammt aus Olten, und wir haben immer noch starke Verbindungen zur Schweiz. Ich fühle mich weder ganz fremd noch ganz zuhause. Das versetzt mich in eine sehr günstige Lage für ein solches Projekt. Die Schweizer Landschaft ist allerdings für einen Künstler eine grosse Herausforderung, denn es ist sehr schwer, sich nicht vom Malerischen vereinnahmen zu lassen.

Zur Zeit sind Sie mit einer ähnlichen Arbeit in und mit der Schweiz beschäftigt. Warum die Schweiz?
Ich hatte nie die Absicht, mich mit dem berühmten Röstigraben zu beschäftigen. Die Unterteilung des Landes in die Kantone erscheint mir ebenso wichtig wie die verschiedenen Sprachgemeinschaften. Ich will mich ganz auf die Landschaft konzentrieren und das beste Mittel finden, um sie in einer repräsentativen Vielfalt darzustellen. Wie sieht ein Theaterstück aus, wenn man es von den Kulissen her und nicht mehr vom Zuschauerraum aus betrachtet? Derartige Fragestellungen führten dazu, dass ich von der Landesgrenze her acht gerade Linien wie Strahlen zur Älggialp im Kanton Obwalden zog, dem geografischen Zentrum der Schweiz. Die Strahlen sind die Richtschnur für meine Märsche.

Sie bewegen sich also wieder zu Fuss fort?
Ja, das ist in diesem Land auch kein Problem. Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass hier grosses Gewicht auf die Fortbewegung zu Fuss gelegt wird. Das dichte Netz des öffentlichen Verkehrs und der Wanderwege fasziniert mich ungemein. Es reicht in den hintersten Winkel, obwohl die Topografie überhaupt nicht dafür geeignet ist! Manchmal frage ich mich, ob bei der Erschliessung der Schweiz mit Brücken und Tunnels nicht auch ein demonstrativer Durchsetzungswille eine gewisse Rolle spielt. Belgien hatte in seinen Glanzzeiten Anfangs des 20. Jahrhunderts massiv in seine Infrastruktur investiert. Vor ein paar Jahrzehn ten leistete sich das Land eine komplexe und leistungsfähige Infrastruktur auf einem viel höheren Niveau als manche Länder in jener Zeit. Heute ist das Strassennetz schlecht unterhalten und zahlreiche Bahnlinien wurden aufgehoben und die Bahnhöfe geschlossen.

Wie planen Sie die Routen entlang der acht Strahlen zur Älggialp?
Der Ausgangspunkt der Strecken liegt immer an der Landesgrenze. Wenn ich vom rein theoretischen Standpunkt ausgegangen wäre, dass die sinnbildlichen Aspekte eines Landes sich in seinem Zentrum konzentrierte, hätte ich daraus schliessen können, dass der Norden der Schweiz eher Deutschland gleichen würde, der Westen Frankreich, usw. Das dominierende Bild der Schweiz ist jedoch jenes der schneebedeckten Berge – ich möchte aber möglichst alles Übrige auch sichtbar machen! Das naive Vorurteil machte Lust, die Variationen zwischen zwei bestimmten Punkten – (der Grenze und dem Zentrum) – festzuhalten. Indem ich diesen starren Linien folge, begegne ich der ganzen Vielfalt, die ich für eine reiche Ernte benötige. Mich reizt der Gedanke, Bilder aus dermassen unterschiedlichen Landschaften zueinander in Beziehung zu setzen. Das Bundesamt für Landestopografie hat mir eine Software zur Verfügung gestellt, die es mir erlaubt, meine Strecken sehr genau zu planen und sämtliche gekennzeichneten Wege optisch sichtbar zu machen. Es ist immer wieder verblüffend festzustellen, dass keine einzige Gegend von Wanderwegen ausgenommen ist, vom Talgrund bis zu den höchsten Gipfeln.

Wie kann die Schweizer Landschaft «repräsentativ» dargestellt werden?
Phänomenologisch ist es unmöglich, ein Gebiet in seiner Ganzheit zu erfassen, trotz aller technischen Werkzeuge, über die wir mittlerweile verfügen. Mein persönlicher Ehrgeiz beschränkt sich darauf, eine Auswahl von ausreichend repräsentativen Proben oder Mustern einer bestimmten Gegend darzustellen. Ich möchte aber noch weiter gehen in meinem Versuch, ein Werk zu zeigen, das fast unmöglich zu betrachten ist. «Lieux Communs – Gemeenplaatsen» umfasste mehrere hundert Bilder, die in einem Raster angeordnet waren. Das klinische, gleichmässige Licht hielt diese Bilder zusammen. In der Schweiz müssen die meteorologischen Schwankungen sichtbar sein, sie gehören zur Landschaft. Fotografie ist hier also nicht mehr ausreichend. Deswegen mache ich neben den Fotos auch Filmaufnahmen. Ausserdem fiel mir auf, dass sich die Schweizer viel öfter im Freien bewegen als die Belgier. Das Land ist zwar weniger dicht besiedelt, aber ich treffe überall und fast jederzeit auf Menschen. Ich konnte feststellen, dass es praktisch keine Flächen ohne Zuordnung gibt, keine unerschlossenen Gebiete. Alles ist nutzbar gemacht, funktionell, gestaltet, unter Aufsicht. Es gibt in der Schweiz nirgends ein Niemandsland, ein Terrain vague. Mit Videoaufnahmen kann ich das menschliche Handeln in das Zentrum des Projekts stellen. Ich wähle feste Einstellungen von einer Minute Länge: Die Filme wirken wie Fotos, unbeweglich und dann geschieht doch noch etwas, meist alltägliches: Jemand geht langsam durch das Bild, ein Bus kommt an oder dergleichen.

Sind Ihnen auf Ihren Streifzügen auch Unterschiede in städtebaulicher Hinsicht aufgefallen?
Wie alles in der Schweiz wird auch der Städtebau mit viel Strenge und Konsequenz gehandhabt. In der Architektur werden einfache Formen bevorzugt; eine begrenzte Anzahl von Bautypen beherrscht das Stadtund Dorfbild. Es scheint, als sei alles von zwei Vorbildern abgeleitet: vom traditionellen Holzhaus, dem Chalet, und dem Würfel aus Beton und Putz. Zwischen den beiden Extremen gibt es natürlich eine ganze Reihe von Abstufungen. Der Mangel an Eigenart und Kühnheit der Bauten wird ausgeglichen durch einen starken Zusammenhalt im grösseren Massstab. Städte sind bis auf wenige Ausnahmen verhältnismässig klein, doch das macht sie nicht unbedingt kompakter. Häufig stos se ich auf Felder, Weiden und Bauernhöfe mitten in einer Kleinstadt.
In Belgien ist die Lage anders. Der Druck einer dichten Besiedelung, eine deutlich weniger stabile Wirtschaftslage und eine durch Kompromisse geschwächte Planung sind Faktoren, die dem belgischen Städtebau geschadet haben. Während das städteplanerische Modell in der Schweiz dem Allgemeinwohl dient, überlassen die belgischen Behörden den Raum zur Entfaltung des Individuums, zum Nachteil einer systematischen Entwicklung. Sobald man sich bezüglich Städteplanung toleranter zeigt, entstehen zwar kühnere Bauten, allerdings auf die Gefahr hin, dass ein angestrebter Zusammenhalt verunmöglicht wird. Die Ergebnisse können fürchterlich sein. Ganz deutlich werden die Unterschiede zwischen den beiden Ländern, wenn man sich die Gärten näher anschaut. In der Schweiz sind die Grundstücke der Einfamilienhäuser oft sehr einfach abgegrenzt: ein kleines Mäuerchen, ein paar Büsche oder Hecken genügen. So bleibt der Bezug zur Landschaft erhalten – der Schweizer in seinem Haus möchte immer Teil der Umgebung sein. In Belgien ist der Zweck einer Umzäunung nicht nur eine Abgrenzung, sondern auch ein Sichtschutz, er gewährt eine Privatsphäre, die dem Hausbesitzer ein grosses Unabhängigkeitsgefühl verleiht. Durch diese individuelle Abkapselung nimmt aber der städtebauliche Makrokosmos erheblichen Schaden.

Lassen sich von Ihren Beobachtungen der Landschaft und der Raumplanung Schlüsse auf den Zustand einer Gesellschaft ziehen?
In der Schweiz konnte ich feststellen, dass die unterschiedlichen sozialen Schichten den Orten nicht unbedingt anzusehen sind. Betrachtet man nur die Landschaft und die darin eingebetteten Ortschaften, wirkt die Bebauung wie für eine einzige grosse Mittelschicht.


Aus dem Französischen von Elisabeth Soppera



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